Autor: Angela Zimmermann Seite 1 von 40

Das alte Griechenland. Die visuelle Geschichte (Dorling Kindersley, 2026)

Mit „Das alte Griechenland“ legt der Dorling Kindersley Verlag einen weiteren Band seiner Reihe visueller Kulturgeschichten vor. Auf 400 Seiten spannt der Band einen Bogen über rund 3000 Jahre: von der Frühgeschichte und den Kulturen der Kykladen, Minoer und Mykener über den Aufstieg von Athen und Sparta bis zum Reich Alexanders des Großen und schließlich der römischen und byzantinischen Zeit. Das großformatige Buch enthält etwa 850 Fotos, Illustrationen, Karten und Zeitleisten.

Das Buch ist chronologisch in sieben aufeinanderfolgende Teile gegliedert: von den Anfängen und der Prähistorie (bis ca. 900 v. Chr.) über den Aufstieg der Stadtstaaten (900–600 v. Chr.), die spätarchaische (600–500 v. Chr.) und die klassische Zeit Athens und Spartas (500–400 v. Chr.) bis zu den Umbrüchen des 4. Jahrhunderts und Alexander dem Großen (400–323 v. Chr.), dem hellenistischen Griechenland (323–31 v. Chr.) und schließlich Griechenland unter römischer Herrschaft (ab 31 v. Chr.) mit Christianisierung und byzantinischer Ära.

Jeder der sieben Teile beginnt mit einem kurzen Überblick über den Zeitabschnitt: mit einem einleitenden Text, einer Zeitleiste mit den wichtigsten Daten am unteren Rand und einer Karte mit den relevanten Orten.

Der erste Abschnitt über die Anfänge bzw. die Prähistorie bis ungefähr 900 v. Chr. führt zunächst in die griechische Vorzeit und stellt anschließend die Kultur der Kykladen und die minoische Welt vor. Neben den historischen Begebenheiten werden auch besondere Orte, Funde und Befunde vorgestellt. Der Palast von Knossos fehlt dabei ebenso wenig wie der Diskos von Phaistos. Das Buch geht auf den minoischen Seehandel ein und zeigt dann den Aufstieg der Mykener auf dem griechischen Festland. Mehrere Kapitel sind den griechischen Göttern und Helden gewidmet. Ebenfalls in diesen Zeitabschnitt fällt der Trojanische Krieg. Der erste Teil endet schließlich mit den sogenannten Dunklen Jahrhunderten, über die man aufgrund mangelnder schriftlicher und archäologischer Funde lange Zeit nicht viel wusste.

Der folgende Abschnitt widmet sich dem Aufstieg der Stadtstaaten und umfasst den Zeitraum von 900 bis 600 v. Chr. Er macht zunächst deutlich, dass die Dunklen Jahrhunderte gar nicht so dunkel waren, wie es die ältere, auf den Schilderungen Hesiods beruhende Annahme nahegelegt hatte. In den letzten Jahrzehnten haben zahlreiche archäologische Funde gezeigt, dass es in dieser Zeit durchaus kulturelle und wirtschaftliche Aktivitäten gab.

Ins 8. Jahrhundert fielen die Anfänge der großen Heiligtümer Olympia und Delphi, und Hesiods „Werke und Tage“ entstanden. Um 700 v. Chr. wurden dann verschiedene Legenden und Erzählungen, die zuvor nur mündlich überliefert worden waren, schriftlich festgehalten: die Ilias und die Odyssee.

Politisch entstand nach dem Niedergang der mykenischen Kultur eine Vielzahl unabhängiger Stadtstaaten (Poleis). Eine der ersten städtischen Siedlungen Griechenlands war Argos. Die Stadtstaaten waren aber in ihrer politischen Ordnung keineswegs einheitlich. In einigen Staaten herrschten Könige, in anderen eine Oligarchie, in wieder anderen wurde eine Demokratie eingeführt.

Immer wieder führten die einzelnen Stadtstaaten Kriege gegeneinander, und die Art der Kriegsführung wandelte sich: hin zur Phalanx, die man sehr schön auf der sogenannten Chigi-Kanne aus dem 7. Jahrhundert sehen kann.

Angetrieben von Überbevölkerung, Handel und weiteren Gründen gründeten die Griechen zudem im gesamten Mittelmeerraum und rund um das Schwarze Meer neue Siedlungen.

Der Abschnitt beleuchtet außerdem den Alltag in den Poleis, etwa das Symposion. Man traf sich, um gemeinsam zu trinken, zu diskutieren und Handel zu treiben, aber auch, um sich die Zeit zu vertreiben – mit Spielen, Musik und häufig auch intellektuellen Debatten.

In der spätarchaischen Zeit (Abschnitt 3, 600–500 v. Chr.) begegnen uns die bekanntesten Stadtstaaten: Athen und Sparta wurden zu den dominanten Mächten in Griechenland. Sie waren zugleich die einzigen Städte, die ihre Macht ausschließlich innerhalb Griechenlands konzentrierten und nicht nach Übersee expandierten oder Kolonien gründeten.

Sparta stieg zur führenden Macht auf der Peloponnes auf und war dafür bekannt, dass seine Gesellschaft auf die Erziehung und Ausbildung zum Krieger ausgerichtet war. Doch natürlich war auch hier die Gesellschaft vielschichtiger, als es uns die Überlieferung – oft aus der Sicht der Rivalen – glauben lässt.

Auch Athen wuchs in dieser Zeit zu der Stadt heran, die bis heute als Inbegriff von Demokratie gilt. Soziale Unruhen führten im 6. Jahrhundert dazu, dass Solon, der berühmte Gesetzgeber Athens, eine Reihe von Reformen durchführte und damit den Beginn der attischen Demokratie einleitete.

Künstlerisch begegnen uns in dieser Zeit die großen Figuren der Jünglinge, die Kouroi, und ihr weibliches Pendant, die Koren. Auch die Vasenmalerei brachte mit der Zeit die prachtvollen Bilder hervor, die wir heute in den Museen bewundern. War zu Beginn, bei der schwarzfigurigen Malerei, noch Korinth führend, so war spätestens mit der rotfigurigen Malerei Athen der Hauptproduzent qualitätvoller Keramik, die im gesamten Mittelmeerraum verbreitet und exportiert wurde.

Auch die Gründung zahlreicher Kolonien in Süditalien und Sizilien (später Großgriechenland – Magna Graecia genannt) sowie rund um den Mittelmeerraum ist in diesem Abschnitt noch einmal Thema. Man reiste zu Land und zu Wasser, und auch die Kriegsführung auf See wurde immer wichtiger. Aber auch die Schattenseiten der Gesellschaft – vom geringen Ansehen der Handwerker bis zur Sklaverei – kommen zur Sprache.

Der vierte Abschnitt behandelt die Jahre 500 bis 400 v. Chr. Er steht im Zeichen großer Konflikte: des Ionischen Aufstands, der Perserkriege und schließlich des Peloponnesischen Krieges. Er stellt Herodot als „Vater der Geschichtsschreibung“ vor und zeigt, wie Athen den Delischen Bund für den eigenen Wiederaufbau nutzte. Ohne Skrupel wurde die Schatzkasse des Bundes geplündert, um die Akropolis prachtvoll auszubauen und den Parthenon zu errichten.

Das Kapitel geht auch wieder auf verschiedene Aspekte des griechischen Lebens ein, darunter auf den Alltag griechischer Frauen, die griechische Religion, die großen Festtage und die Orakel. Das griechische Theater sowie die griechischen Autoren und Dramatiker werden vorgestellt und auch Sokrates, der „Vater der westlichen Philosophie“, lebte in dieser Zeit.

Vom Peloponnesischen Krieg bis zum Tod Alexanders des Großen reicht der fünfte Abschnitt (400–323 v. Chr.). Anfangs profitierte Sparta von seinem Sieg im Peloponnesischen Krieg und baute seine Vorherrschaft aus. Doch die Uneinigkeit unter den griechischen Stadtstaaten führte immer wieder zu kriegerischen Konflikten mit wechselnden Bündnissen. Schon im 5. Jh. hatte das bis dahin eher als Randgebiet geltende Reich Makedonien an Bedeutung gewonnen, und schließlich wurde Griechenland vom makedonischen König Philipp II. und seiner gut ausgebildeten Armee erobert.

Nach seinem Tod sicherte sich sein Sohn Alexander mit brutaler Gewalt die Nachfolge und konnte den Plan seines Vaters, die Eroberung des Perserreichs, abschließen. Doch dies war ihm nicht genug und sein Eroberungszug führte ihn immer weiter nach Osten. Er kam bis nach Indien, bevor er dem wachsenden Unmut seines erschöpften Heeres nachgeben und umkehren musste. Kurz nach der Rückkehr in seine künftige Hauptstadt Babylon erlag er dann jedoch einer Krankheit.

Parallel zur politischen Erzählung widmet sich auch dieser Abschnitt wieder Themen des täglichen Lebens: dem Leben der Nichtbürger, der Kindheit, dem Tod und den Bestattungsritualen, dem Leben nach dem Tod. Ein Highlight ist in diesem Zusammenhang das Mausoleum von Halikarnassos, das in einem eigenen Kapitel vorgestellt wird. Die Darstellung zeigt gut, wie man sich die farbliche Gestaltung eines antiken Bauwerks vorstellen muss. Weitere Kapitel behandeln griechische Medizin, Münzen und Wirtschaft, Essen und Trinken sowie die Entwicklung der Naturwissenschaften.

Die Zeit nach Alexanders Tod war von den Nachfolgekämpfen seiner Feldherren geprägt, aus denen die großen Reiche der Seleukiden, Antigoniden und Ptolemäer hervorgingen, die im sechsten Abschnitt (323–31 v. Chr.) vorgestellt werden. Weitere Reiche bildeten sich in Pergamon und Pontos. Daneben gab es weiterhin unabhängige Stadtstaaten. Doch die Rivalität untereinander ebnete der allmählichen Eroberung Griechenlands und Kleinasiens durch die Römer den Weg – ein Prozess, der mit der Schlacht von Actium 31 v. Chr. abgeschlossen war.

Die Kunst der hellenistischen Zeit war geprägt durch dramatische und realistische Darstellungen, sei es bei Skulpturen von alten oder behinderten Menschen, sei es bei Darstellungen von Boxern mit ihren Wunden. Die bukolische Dichtung dagegen idealisierte das Landleben und beschrieb idyllische Szenen. Und während die einfachen Menschen Zuflucht in Magie und Zauberei suchten, machte im hellenistischen Griechenland andererseits auch die Wissenschaft weiter Fortschritte: von der Mathematik und der Physik mit ihrem wichtigsten Vertreter Archimedes bis hin zu Technik und Musik.

Der letzte Abschnitt beginnt mit dem Jahr 31 v. Chr. und Roms Herrschaft, die Frieden und Wohlstand in die griechischen Provinzen brachte. Von hier aus spannt das Buch den Bogen weiter über die Christianisierung bis in die byzantinische Ära und die Eroberung Konstantinopels durch die Türken.

Den Abschluss bilden verschiedene Verzeichnisse:

  • die Stadtstaaten, gegliedert nach Gebieten (Festland, Inseln, Kleinasien, Nordafrika),
  • Dichter und Dramatiker,
  • Historiker und Geografen,
  • Philosophen und Wissenschaftler
  • die olympischen Götter und die Helden,
  • die wichtigsten griechischen Mythen
  • Übersicht der wichtigsten Stätten, die man in Griechenland besuchen kann.

Das Besondere dieses Buches und gleichzeitig das Kennzeichen aller Bücher von Dorling Kindersley liegt in der visuellen Gestaltung. Fast jedes Kapitel kommt mit zwei gegenüberliegenden Seiten aus, bei denen der verständlich geschriebene Text mit Fotos, Illustrationen, 3-D-Grafiken, Karten und Infografiken ergänzt wird.

Das Buch richtet sich an ein breites, interessiertes Publikum ohne Vorwissen und verbindet den großen historischen Überblick mit vielen kleinen, konkreten Einblicken in den Alltag. Es liegt in der Natur der Reihe, dass viele Themen nur oberflächlich oder gar nicht behandelt werden können. Wer tiefer einsteigen will, würde sich allerdings über Hinweise zu weiteren Überblickswerken freuen. Grundsätzlich ist das Buch allerdings sehr gut als schneller Einblick in Geschichte, Kunst und Kultur des antiken Griechenlands geeignet.

DK Verlag (Hrsg.), Das alte Griechenland
ISBN 978-3-8310-5210-3 
400 Seiten, 245 x 288 mm, fester Einband, Über 850 farbige Fotos, Illustrationen und Karten
45 Euro


Harry Sidebottom, Der wahnsinnige Kaiser. Elagabal und der Niedergang Roms (Herder 2025)

Elagabal, oder besser Marcus Aurelius Antoninus (geboren als Sextus oder Gaius Varius Avitus Bassianus), galt schon in der Antike als Symbol für Dekadenz. Heute ist er allerdings – im Gegensatz zu Caligula oder Nero – weitgehend aus dem kulturellen Gedächtnis verschwunden. Auch, weil sich nur wenige Gelehrte mit ihm beschäftigen. Und so ist Sidebottoms Buch der Versuch, diesen römischen Imperator aus der Vergessenheit zu holen.

Für seine Zeitgenossen und auch spätere römische Autoren galt Elagabal als fremdartig und exzentrisch. Doch entspricht alles, was wir in den antiken Quellen lesen, tatsächlich der Wahrheit? Sidebottoms Buch will der Sache auf den Grund gehen. Er analysiert die drei erhaltenen schriftlichen Quellen – Cassius Dio, Herodian und die Historia Augusta – und zeigt zu jeder Überlieferung, wie glaubwürdig die Quelle ist. Dazu zieht er auch Inschriften, Münzen und archäologische Funde heran. Denn antike Geschichtsschreibung hat nicht viel mit der Schilderung von Fakten zu tun, sondern gleicht eher einem historischen Roman: Es werden keine Quellen genannt, und viele Episoden oder Dialoge werden einfach erfunden. Und man darf auch nicht vergessen, dass die Biografen zur römischen Elite gehörten, die Elagabal mit seinem Verhalten oft vor den Kopf stieß.

Doch wie begann alles? Am Anfang steht die Flucht Elagabals und seiner Familie aus Emesa. Seine Großmutter, Julia Maesa, war die Schwester von Julia Domna – der Frau von Septimius Severus und Mutter von Caracalla. Vermutlich war es auch seine Großmutter, die die Fäden zog. Zum Zeitpunkt dieser Flucht war Elagabal erst 13 oder 14 Jahre alt. Ebenfalls zu der Gruppe gehörten seine Tante und deren 9 Jahre alter Sohn, dem späteren Kaiser Severus Alexander. Vieles deutet darauf hin, dass es sich um eine Herrscherfamilie aus Emesa handelte – Könige, die unter Caesar oder Augustus das römische Bürgerrecht erhalten hatten.

Es gelang der kleinen Gruppe, die Elagabal als unehelichen Sohn Caracallas präsentierte, eine in der Nähe stationierte Legion zu einem Aufstand gegen Caracallas Nachfolger Macrinus aufzustacheln und Elagabal zum Kaiser auszurufen. Macrinus wurde schließlich besiegt. Elagabal wurde zwar recht schnell vom Senat bestätigt, ließ sich aber sehr viel Zeit, nach Rom zurückzukehren, wo er auch aufgewachsen war. Danach verließ er die Stadt nicht mehr.

Von Anfang an ignorierte der junge Kaiser römische Gepflogenheiten – er betonte in seinem Verhalten die orientalischen Traditionen seiner Heimat. Sidebottom warnt zwar davor, unsere heutigen Werturteile auf die Antike zu übertragen, zeigt jedoch, wie Elagabal nach und nach die römische Elite gegen sich aufbrachte.

Bevor man sich der Frage widmen kann, warum Elagabal diese Elite gegen sich aufbrachte, muss man sich zunächst damit beschäftigen, wie das römische Kaisertum im Zusammenspiel mit den verschiedenen Institutionen und Bevölkerungsschichten funktionierte. Der Autor geht darauf im Kapitel „Macht“ ein. Was erwartete man von einem Kaiser? Auf welche „Wählergruppen“ musste ein Kaiser Rücksicht nehmen? Welche Entscheidungen traf der junge Kaiser? Und vor allem: Wo lagen die Grenzen kaiserlicher Macht?

Man erwartete von einem Kaiser beispielsweise, dass er heiratete und Nachfolger hatte. Gegebenenfalls half man mit einer Adoption nach. Mindestens drei Ehefrauen sind belegt, darunter zweimal die Vestalin Aquilia – ein unerhörter Frevel. In dem Kapitel „Religion“ geht Sidebottom darauf ein, was wir über die Kultpraktiken des Gottes Elagabal wissen, und macht deutlich, dass wir den schriftlichen und materiellen Quellen zwar einiges über die äußeren Formen des Kultes entnehmen können, über den Glauben an sich jedoch nur wenig wissen. Der Kaiser war seit frühester Jugend Priester dieses Gottes, der in Form eines schwarzen Steins verehrt wurde, und wollte ihn sogar über Jupiter stellen. Für Römer undenkbar, denn Jupiter war der Garant für Roms „Herrschaft ohne Ende“.

In den antiken Quellen nehmen die Schilderungen von Elagabals sexuellen Vorlieben breiten Raum ein, sein „weibisches“ Verhalten sowie seine Personalpolitik, die seinen Sexualpartnern hohe Ämter einbrachte. Der Autor prüft jede Überlieferung auf ihre Plausibilität und macht immer wieder deutlich, warum welcher Autor den Kaiser genauso schildert, wie er es tut, und dass diese Überlieferungen mit Vorsicht zu bewerten sind.
Schließlich jedoch hatte Elagabal den Bogen überspannt, und selbst seine Großmutter wandte sich wohl gegen ihm. Zunächst sorgte man dafür, dass er seinen Cousin adoptierte und damit als Nachfolger bestimmte. Eine Entscheidung, die er vermutlich bald bereute, wie Sidebottom plausibel erklärt. Denn schnell erfreute sich der jüngere Mitkaiser immer größerer Beliebtheit. Elagabal soll mehrfach versucht haben, ihn zu beseitigen. Doch am Ende war es Elagabal selbst, der getötet wurde – von seinen eigenen Soldaten, der Prätorianergarde. Man gönnte ihm nicht einmal eine vernünftige Bestattung, sondern warf ihn in den Tiber.

Das Buch besticht durch seine erfrischend humorvolle Sprache. An dieser Stelle möchte ich auch einen Dank an den Übersetzer Jörg Findling aussprechen – er hat das äußerst kurzweilig geschriebene Buch wunderbar übertragen.

Der wahnsinnige Kaiser (Gebundene Ausgabe)Elagabal und der Niedergang Roms
von Harry Sidebottom (Autor)
Theiss in der Verlag Herder GmbH
Auflage 2025
Gebunden mit Schutzumschlag
400 Seiten
ISBN: 978-3-534-61036-5

    Marc Aurel. Kaiser, Feldherr, Philosoph (2025)

    Trier ist bekannt für seine eindrucksvollen Landesausstellungen, die sich über mehrere Museen erstrecken. Nach den römischen Kaisern Konstantin und Nero stellt das Landesmuseum Trier dieses Jahr Marc Aurel vor, der den meisten Menschen heute als Philosophenkaiser ein Begriff ist. Seine „Selbstbetrachtungen“ dienten schon vielen Prominenten als Anleitung für ihr Leben, darunter Helmut Schmidt oder Bill Clinton.

    Trotz der Bekanntheit Marc Aurels ist die Ausstellung in Trier die erste große Schau, die sich ganz seinem Leben widmet. Die Begleitbände sind, wie bei solchen Projekten üblich, keine reinen Kataloge der ausgestellten Fundstücke. Die reich bebilderten Bücher vertiefen die Informationen der Ausstellungen.

    Der Begleitband zum Ausstellungsteil “ Marc Aurel. Kaiser, Feldherr, Philosoph“ im Landesmuseum bietet zunächst eine knappe Zusammenfassung von Marc Aurels Leben – beginnend mit seiner Adoption durch Antoninus Pius wird seine Biografie in den historischen Kontext eingebettet: Hadrian, Antoninus Pius, Marc Aurel, Lucius Verus und schließlich der Übergang zu Commodus.

    In den nachfolgenden Kapiteln gehen die Autoren ins Detail. Herkunft, Adoption und Herrschaft von Markus Annius Catilius Severus, wie er ursprünglich hieß, werden ausführlich beleuchtet. Einen genauen Überblick über die verwandtschaftlichen Verhältnisse geben zwei Stammbäume: einer von Marc Aurels Familie, der andere den der Adoptivkaiser.

    Da sein Vorgänger Antoninus Pius unerwartet lange lebte, blieb Marc Aurel ganze 23 Jahre lang „Kronprinz“ – eine einmalige Konstellation, durch die er als einer der bestvorbereiteten Kaiser Roms in die Geschichte einging. Als Marc Aurel 161 n. Chr. endlich seine Herrschaft antreten konnte, machte er seinen Adoptivbruder Lucius Verus zum Mitkaiser – ein Novum in der Geschichte der römischen Kaiser. Dieses Modell sollte Schule machen und sich als zukunftsweisend erweisen.

    Bereits in der Antike galt Marc Aurel als guter Herrscher – wenn auch aus anderer Perspektive gesehen. Der römische Historiker Cassius Dio bezeichnete ihn sogar als Idealkaiser. Dennoch war seine Regierungszeit geprägt von zahlreichen Kriegen und Krisen wie der Antoninischen Pest oder den Kriegen gegen die Parther und die Markomannen. Diese unsicheren Zeiten führten zu einem verstärkten Sicherheitsbedürfnis im Reich: Die Armee wurde aufgerüstet und überall entstanden Stadtmauern.

    Die Ausstellung und der Begleitband gehen auch auf die Personalpolitik Marc Aurels ein, auf Wirtschaft und Handel während seiner Regierung sowie auf Carnuntum, in der Nähe von Wien gelegen, wo er zusammen mit seiner Familie und seinem Gefolge während des Markomannenkriegs sein Hauptquartier aufschlug.

    Ein eigener Abschnitt ist natürlich Marc Aurels „Selbstbetrachtungen“ und dem Stoizismus gewidmet. Nach einem allgemeinen Überblick über die historische Entwicklung der philosophischen Kultur im Römischen Reich und speziell des Stoizismus, geht das Buch auf das Verhältnis Marc Aurels zur Philosophie und auf seine „Selbstbetrachtungen“ ein. Die Einteilung in zwölf Bücher mit insgesamt 490 Kapiteln ist wohl eine spätere Zusammenstellung. Im ersten Buch dankt Marc Aurel den Göttern und all jenen Personen, die ihn in seinem Leben gefördert haben. Dabei verbindet er jede dieser Person mit bestimmten Tugenden, die ihn geprägt haben. Die übrigen Bücher enthalten Marc Aurels philosophische Überlegungen zu diesen Tugenden und Hinweise zu guter Lebensweise.

    Diese „Selbstbetrachtungen“, die wohl nie zur Veröffentlichung gedacht waren, zeigen seine persönliche Lebenseinstellung und sind rein privat. Gleichzeitig war er sehr pflichtbewusst, was seine  kaiserlichen Pflichten angeht: Schutz und Verteidigung des Reiches und der Bürger. Und das machte ihn für seine Zeitgenossen und folgende Generationen von Römern zu einem guten Herrscher. Für heutige Bewunderer seiner philosophischen Gedanken ist es dagegen verstörend, wenn sie auf der Marcus-Säule in Rom zahlreiche Szenen sehen, die wir heute Kriegsverbrechen als ansehen.

    Ein weiterer Abschnitt des Begleitbands stellt wichtige Denkmäler vor, die mit Marc Aurel verbunden sind: Natürlich die Marcus-Säule und das Reiterstandbild in Rom, aber auch das Parthermonument in Ephesos, zahlreiche Portrait-Büsten, Münzen und Medaillons sowie die Bautätigkeit Marc Aurels in Rom und den Provinzen.

    Die nördlichen Provinzen Gallia Belgica, Germania Superior und Germania Inferior repräsentieren bespielhaft die zunehmend unruhigen Zeiten unter Antoninus Pius und Marc Aurel. Zahlreiche Konflikte mit einfallenden germanischen Gruppen wie den Chatten zeigen sich in archäologischen Spuren von Zerstörungen ebenso wie dem Bau von Stadtbefestigungen, wie im Falle von Trier.

    Nicht fehlen darf in diesem Begleitband zur Landesausstellung selbstverständlich eine Auseinandersetzung mit der Wiederentdeckung und Rezeption der „Selbstbetrachtungen“ bis heute. Auch wenn sich der Rezeption dieses Bestsellers und der Frage nach dem, was gute Herrschaft ausmacht, vor allem die Ausstellung im Stadtmuseum Simeonstift widmet.

    Im Epilog wird noch einmal ein Fazit unserer Kenntnisse über Marc Aurel gezogen, bevor die Ausstellungsstücke in einem Katalog vorgestellt werden und das Buch mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis abschließt.

    Und mein Fazit? Ausstellung und Begleitband unterstreichen einmal mehr, dass es sich lohnt, einen Blick hinter die Kulissen der römischen Antike zu werfen oder sich ihr mit neuen Fragestellungen zu nähern. Denn allzu oft widerspricht das, was wir zu wissen glauben, der Realität. Marc Aurel, der gute Herrscher? Ja, aber nicht so, wie die heutige Öffentlichkeit den Philosophen auf dem Kaiserthron sieht.

    Marc Aurel. Kaiser, Feldherr, Philosoph
    Hrsg.: Generaldirektion Kulturelles Erbe Rheinland-Pfalz, Direktion Rheinisches Landesmuseum Trier
    Theiss in der Verlag Herder GmbH
    1. Auflage 2025
    Gebunden, 400 Seiten
    ISBN: 978-3-534-61047-1

    Pedro Barceló, Geschichte Spaniens in der Antike. Von den Phönikern bis zum Kalifat von Córdoba (2025)

    Wer sich für die antike Geschichte der Iberischen Halbinsel interessiert, findet kaum deutschsprachige Publikationen, die auch die vorrömischen Epochen abdecken. Diese Lücke schließt Pedro Barceló nun. Er geht zunächst auf die frühen Bewohner ein und widmet sich dann phönikischen und griechischen Einwanderern, vor allem aber den Karthagern.

    Überzeugend widerlegt er die These einer angeblichen frühen karthagischen Präsenz und analysiert sehr ausführlich die Zeit der Karthager in Hispanien wie den Hasdrubal-Vertrag und die Sagunt-Affäre oder die Konflikte mit den Römern bis zum Ende des zweiten römisch-karthagischen Krieges, der, wie Barceló veranschaulicht, zu einem entscheidenden Teil in Hispanien entschieden wurde.

    Nach der Vertreibung der Karthager setzten sich die Römer endgültig auf der iberischen Halbinsel fest. Allerdings sollten noch etwa zweihundert weitere Jahre vergehen, bis die Eroberung unter Augustus als abgeschlossen gelten konnte. Die verschiedenen Stämme leisteten lange Widerstand, auch weil viele römische Statthalter hier vor allem die Möglichkeit sahen, sich auf Kosten der Einheimischen zu bereichern, und oft waren sie nicht gerade zimperlich in ihrer Vorgehensweise.

    Mit Beginn der Kaiserzeit wandelte sich das Verhältnis zwischen Rom und Hispanien, wie Barceló am Beispiel Tarraco veranschaulicht. Schließlich gelang die Romanisierung der iberischen Halbinsel und ihrer Bewohner. Diese kann exemplarisch für die Romanisierung in anderen Regionen des Imperium Romanum gelten und so widmet er ein eigenes Kapitel den Faktoren einer solchen Romanisierung.

    Barceló schildert die politischen Entwicklungen, Wirtschaft und Gesellschaft in der Hispania Romana bis zum Zeitalter des Theodosius und geht dann auf die Entwicklung des Christentums in Hispanien von den Anfängen bis zur Zeit der Völkerwanderung ein. Die neuen Einwanderer – Sueben  Alanen, Vandalen und Westgoten – änderten im Laufe der Zeit die politische Gemengelage auf der Halbinsel, besiegelten letztendlich den Zusammenbruch römischen Herrschaft.

    Aber auch das nun entstandene Westgotenreich mit Toledo als Hauptstadt konnte sich nicht auf lange Sicht behaupten. Ebenso wenig wie die Byzantiner, die sich ab der Mitte des 6. Jh. n. Chr. vorübergehend im Süden der iberischen Halbinsel festsetzten. Denn in der zweiten Hälfte des 7. Jahrhundert begann der Siegeszug der zum Islam konvertierten Araber. Innerhalb weniger Jahrzehnte hatten sie ein riesiges Gebiet erobert und 711 n. Chr. landete ein aus Arabern und Berbern bestehendes Heer in der Ebene von Gibraltar. In nur sieben Jahren unterwarfen sie einen großen Teil der iberischen Halbinsel. Ihre Hauptstadt Cordoba zeigt exemplarisch die verschiedenen Epochen: über einer iberischen Kultstätte erhob sich später ein römisches Heiligtum, über dem man in der Zeit der Westgoten eine christliche Kirche errichtete. Diese wiederum musste einer Moschee weichen, in die dann später eine christliche Kathedrale eingebaut wurde.

    Barceló ist es gelungen, mit dem vorliegenden Buch eine sehr detaillierte und dabei gut lesbare Analyse der politischen und historischen Entwicklung der Iberischen Halbinsel in der Antike vorzulegen. Zur besseren Übersicht hat Barceló im Anhang zudem ein Verzeichnis der antiken Orte mit ihren heutigen Bezeichnungen sowie eine chronologische Tabelle beigefügt.

    Pedro Barceló
    Geschichte Spaniens in der Antike. Von den Phönikern bis zum Kalifat von Córdoba
    C.H.Beck Verlag, München 2025
    492 S., 29 Ill., 10 Karten
    38,00 Euro

    Erhältlich bei Amazon oder beim Beck-Verlag.

    Markus Hafner, Die deutsche Altertumswissenschaft in der NS-Zeit. Der Gnomon von seiner Gründung 1925 bis 1949 (2025)

    Die bedeutendste deutsche Rezensionszeitschrift für die klassischen Altertumswissenschaften, der Gnomon, feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag. Ein guter Zeitpunkt, um zu den Anfängen zurückzublicken. Markus Hafner legt mit seinem jüngst erschienenen Buch eine fundierte Analyse der Geschichte der Zeitschrift von der Gründung 1925 bis zur Neuerscheinung nach dem Zweiten Weltkrieg vor.

    Die Kritische Zeitschrift für die gesamte klassische Altertumswissenschaft erschien erstmals 1925 – bei der Weidmannschen Verlagsbuchhandlung in Berlin. Sie ging auf eine Idee des Verlagsinhabers Hans Reimer sowie Werner Jaeger zurück. Neben Dr. phil. Richard Harder wurden 16 weitere Herausgeber auf der Titelseite genannt, die das gesamte Spektrum der deutschen Altertumswissenschaften abdeckten.

    1. Ludwig Curtius (Archäologie, Heidelberg)
    2. Ludwig Deubner (Klassische Philologie, Freiburg)
    3. Eduard Fraenkel (Klassische Philologie, Kiel; später Göttingen; im Zeitraum 1931–1933 in Freiburg)
    4. Matthias Gelzer (Alte Geschichte, Frankfurt a. M.)
    5. Ernst Hoffmann (Philosophiegeschichte, Heidelberg)
    6. Werner Jaeger (Klassische Philologie, Berlin)
    7. Walther Kranz (Klassische Philologie, Lehrer in Berlin, seit 1928 und bis Mai 1933 Rektor der Landesschule Pforta)
    8. Karl Meister (Klassische Philologie, Heidelberg)
    9. Peter von der Mühll (Klassische Philologie, Basel)
    10. Karl Reinhardt (Klassische Philologie, Frankfurt a. M.)
    11. Gerhart Rodenwaldt (Generalsekretär des Archäologischen Instituts des Deutschen Reiches, Berlin)
    12. Wilhelm Schubart (Papyrussammlung, Altes Museum Berlin)
    13. Wilhelm Schulze (Sprachwissenschaft, Berlin)
    14. Eduard Schwartz (Klassische Philologie, München)
    15. Johannes Stroux (Klassische Philologie, München)
    16. Wilhelm Weber (Alte Geschichte, Tübingen)

    Ausgangspunkt der nachfolgenden Studie ist die Umbildung des Herausgeberstabes 1933: Welche Rolle spielten die Herausgeber? Wie positionierten sie sich?

    Hafner stellt jeden Herausgeber in einem Biogramm vor und geht dabei nicht nur auf ihre Lebensläufe ein, sondern auch auf ihre Einstellung zum NS-Regime und den Umwälzungen in der Redaktion des Gnomon. Er analysiert detailliert bisher zum Teil unbekanntes Material und zeichnet dabei nach, welche Rolle einzelne Herausgeber bei der Umbildung des Herausgebergremiums im Sinne des NS-Regimes einnahmen.

    Das Ergebnis zeigte sich dann 1934 beim ersten Heft des 10. Jahrgangs: Nun standen nur noch 3 Herausgeber – Gelzer, Harder und Rodenwaldt – auf dem Titelblatt. Die Korrespondenz zwischen den Herausgebern untereinander, mit anderen Forschern und auch den Verlagen zeigt, dass die Umbildung von Harder von langer Hand vorbereitet worden war.

    Jüdische Mitarbeiter oder als „Nichtarier“ eingestufte Forscher (Wissenschaftler mit (halb)jüdischen Ehepartnern) wurden aus dem Herausgebergremium entfernt, wenn sie nicht freiwillig gingen. Einige weitere Herausgeber gingen aus Protest ebenfalls. Trotz immer schärferer Einschränkungen für „nichtarische“ Wissenschaftler erlaubte Harder jedoch weiterhin unter bestimmten Bedingungen Rezensionen durch jüdische beziehungsweise nichtarische Wissenschaftler. Zum Teil gab es einfach keinen adäquaten Ersatz, zum Teil – wie vermutlich bei Hermann Straßburger und Otto Regenbogen – lag es an den sehr guten Lehrer-Schüler-Kontakten zu den Herausgebern.

    Hafner zeigt außerdem deutlich, welche Probleme die Umgestaltung des Gnomon mit sich brachte. Es gingen nicht mehr genügend Besprechungen ein, da ja viele Rezensenten nicht mehr zugelassen wurden. Gleichzeitig deckten die drei Herausgeber nur noch einen kleinen Teil der ursprünglichen wissenschaftlichen Bandbreite ab. Als Gegenmaßnahme beschlossen sie zum einen, mehr eigene Besprechungen aufzunehmen, und zum anderen, Besprechungen aus dem ersten Jahrzehnt erneut abzudrucken. Eine Art des Content Recyclings. Die Themen entwickelten sich weg von Griechenland hin zu Rom und natürlich vor allem zu Germanien.

    Harders Nachfolger wurde sein Schüler Marg – ein Generationenwechsel „im deutschen Sinne“, wie Harder schreibt. Später, als Harder und Marg an der Front kämpften, übernahm dann Erich Wilhelm Burck ihre Vertretung. Trotz aller Versuche, den Gnomon durch den Krieg zu bringen, musste man sich 1944 aber den äußeren Umständen geschlagen geben. Die Zeitschrift wurde eingestellt.

    Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten Wissenschaftler in Deutschland die durch die NS-Herrschaft größtenteils gekappten Verbindungen ins Ausland wieder aufzufrischen. Auch erschienen bald wieder die ersten altertumswissenschaftlichen Zeitschriften. So 1949 auch der Gnomon. Die bisherigen Herausgeber waren bei den Verfahren zur Entnazifizierung glimpflich davongekommen und wurden als Mitläufer eingestuft oder als entlastete Personen klassifiziert. Trotzdem gab es Veränderungen: Harder war zurückgetreten und Rodenwaldt hatte sich das Leben genommen. Für letzteren übernahm Friedrich Matz d. J. den Herausgeberanteil Archäologie. Burck, Marg und Gelzer machten weiter, wobei letzterer von Harder zu seinem Nachfolger bestimmt worden war.

    Der Verlag wechselte von Berlin zum C. H. Beck-Verlag in München. Ausführlich schildert Hafner die Probleme bis zur Neuerscheinung im Beck Verlag. So mussten für die Lizenzierung unter anderem Gutachten ausländischer Wissenschaftler eingeholt werden.

    Im abschließenden Kapitel geht Hafner auf die Frage ein, inwieweit sich der Gnomon beziehungsweise seine Herausgeber nun wirklich von den vorangegangenen ideologischen Einschränkungen lösten. Er stellt dabei fest, dass nun tatsächlich wieder Forscher aus dem Ausland rezensiert und auch als Rezensenten wieder zugelassen wurden. Dadurch kam es zu einer zunehmenden Internationalisierung. Auch jüdische bzw. nichtarische Forscher kamen nun wieder zu Wort, darunter auch Eduard Fraenkel oder Ludwig Curtius.

    Andererseits waren aber auch Wissenschaftler darunter, die bis 1945 eine nicht unerhebliche Rolle im Wissenschaftsbetrieb des Nationalsozialismus gespielt hatten – und nach Kriegsende rasch wieder Positionen im westdeutschen Universitätswesen einnahmen. Aufbruch und personelle Kontinuität vermischten sich im Neuanfang nach 1945 unter dem weitgehend unveränderten Herausgebergremium also.

    Im Anhang kann man alle Briefe von 1933 bis 1949, die der Untersuchung zugrunde liegen, nachlesen – beziehungsweise jene Textstellen aus den Briefen, die für die vorliegende Studie herangezogen wurden. In einem weiteren Anhang finden sich Listen der Herausgeber und Redakteure von 1925 bis 2024.

    Auch wenn der Fokus klar auf der Altertumswissenschaft liegt, zeigt diese eindrucksvolle Studie beispielhaft, wie wissenschaftliche Institutionen unter politischem Druck agierten bzw. agieren mussten – und wie schwer ein Neuanfang nach 1945 war – vor allem dann, wenn zentrale Hauptakteure dieselben waren. Die Geschichte des Gnomon wird so zu einem Spiegel der Wissenschaftsgeschichte im „Dritten Reich“ – und darüber hinaus.

    Markus Hafner
    Die deutsche Altertumswissenschaft in der NS-Zeit. Der Gnomon von seiner Gründung 1925 bis 1949
    C.H.Beck Verlag, München, 2025
    224 S.
    78,00 Euro

    Erhältlich bei Amazon oder beim Beck-Verlag.

    Martin Kemkes & Judith Wötzel, RÖMER – LIMES – WELTERBE. Das Limesmuseum Aalen (2024)

    Der großzügig bebilderte Begleitband zum vor einigen Jahren neugestalteten Limesmuseum Aalen ist kein normaler Museumsführer. Die Autoren Martin Kemkes (Wissenschaftlicher Leiter des Limesmuseums Aalen) und Judith Wötzel (ehemalige städtische Leiterin des Limesmuseums Aalen) erklären anhand von Funden aus dem römischen Aalen und anderen Orten am Obergermanisch-Raetischen Limes – seit 2005 Welterbe der UNESCO – wie der Alltag von Soldaten und Zivilbevölkerung am Limes und seinem Hinterland im Laufe der Jahrhunderte aussah.

    Kurz und verständlich gehen sie zunächst auf die historischen und ideologischen Hintergründe ein: Wie entstand das römische Weltreich? Was trieb die Römer bei ihren Eroberungen an? Wie gingen sie mit den eroberten Regionen und Menschen um? Wie und warum entstand der Limes? Welche Bedeutung hatte er für die Römer?

    Die Armee, die das Leben in der Umgebung ihrer Kastelle prägte, setzte sich aus unterschiedlichen Einheiten zusammen. Es gab die Legionen, deren Soldaten das römische Bürgerrecht besaßen, und verschiedene Hilfstruppen: reine Reitereinheiten (alae), reine Fußtruppen (cohortes), gemischte (cohortes equitatae) sowie kleinere Einheiten (numeri). Die Soldaten dieser Hilfstruppen kamen aus allen Teilen des römischen Reiches, wie beispielsweise Inschriften zeigen. Oft besaßen sie kein römisches Bürgerrecht, bekamen es jedoch am Ende ihrer Dienstzeit – sicher ein gutes Argument für viele, sich als Soldaten zu verpflichten.

    Die Zivilbevölkerung am Limes lebte vor allem von den Soldaten. Rund um die Militärlager entstanden Siedlungen, in denen Händler und die Familien der Soldaten lebten. Gutshöfe im Hinterland versorgten die Soldaten mit Lebensmitteln und das Militär nutzte die Bodenschätze und Rohstoffe der Region. Auch das Verhältnis zu den jenseits des Limes lebenden Germanen beleuchten die Autoren.

    Im Mittelpunkt des Buches steht natürlich das römische Aalen mit seinem Kastell, der größten militärischen Anlage nördlich der Alpen. Zunächst werden die Gebäude in einem solchen Kastell am Beispiel der dortigen Ausgrabungen erklärt. Anhand der Funde in Aalen und anderen Orten am Limes kann man den Alltag von Soldaten und Zivilbevölkerung rekonstruieren: Kleidung, Ausrüstung, Religion, Essen, Handel, Verkehr usw.

    Ein weiteres Kapitel des Buches stellt mit Karten, Rekonstruktionen und Fotos die einzelnen Lager entlang des Obergermanisch-Raetischen Limes vor. Und zum Abschluss nehmen uns die Autoren mit zu den Ursprüngen und Arten von Grenzen rund um den Globus.

    Insgesamt bietet das Buch für interessierte Laien eine verständliche Darstellung des römischen Lebens am Limes.

    Buchcover Römer - Limes - Welterbe

    Martin Kemkes & Judith Wötzel
    RÖMER – LIMES – WELTERBE. Das Limesmuseum Aalen (2024)
    Nünnerich-Asmus Verlag

    Michael Sommer, Mordsache Caesar. Die letzten Tage des Diktators (2024)

    „Auch du, mein Sohn Brutus?“ Wer kennt ihn nicht, diesen Satz, der Gaius Julius Caesar zugesprochen wird. Auch wenn er dies vermutlich nie gesagt hat – einer der berühmtesten Morde der Weltgeschichte ist eng mit ihm verwoben.

    Am 15. März 44 v. Chr., im römischen Kalender an den Iden des März, sticht eine Gruppe Männer zu Beginn einer Senatsversammlung auf Caesar ein. Sie sehen in ihm einen Tyrannen, wollen Rom von ihm befreien und die Republik wieder herstellen. Die Überlieferung spricht von sechzig Männern aus verschiedenen politischen Lagern, von denen die meisten jedoch anonym bleiben.

    Michael Sommer rekonstruiert anhand der Überlieferung durch antike Autoren die Hintergründe, die zur Ermordung Caesars führten. Es geht ihm nicht  nur um die Tat und die Mörder an sich. Wie bei aktuellen Kriminalfällen will er das Umfeld von Tätern und Opfer näher beleuchten: Welche historischen Hintergründe müssen in die Bewertung der Tat einbezogen werden? Was waren Caesar, seine Weggefährten und die Verschwörer für Menschen? Wie waren ihre Schicksale miteinander verwoben? Welche Motive bewogen die Verschwörer, sich zusammenzutun?

    Sommer beginnt seine kriminalistische Analyse mit der Republik und Lucius Junius Brutus, dem mythischen Vorfahren des Caesar-Mörders. Der Überlieferung nach führte jener Brutus die Gruppe von Männern an, die den letzten König Roms töteten und als Gründer der Republik galten. Auch diese Geschichte gehört wohl ins Reich der Legende, zeigt aber welche Tugenden und Normen die Republik zusammenhielten. Vor allem aber begründet sie den Widerwillen des römischen Volkes und der Senatoren gegen jeden aus ihrer Mitte, bei dem sich andeutete, dass er „König“ werden wollte.

    In einem zweiten Schritt stellt der Autor das Mordopfer vor: Caesars militärische und politische Erfolge, sein kluges Taktieren auf dem politischen Parkett, das allerdings schließlich zum Bürgerkrieg führte, als er am 10. Januar 49 v. Chr. den Rubikon überschritt. Aus diesem ging er zwar als Sieger hervor, doch danach war die Republik nicht mehr das, was sie mal war. Es war Caesar, der nun die Geschicke Roms und seiner Bürger bestimmte.

    So hob er beispielweise die traditionelle Ämterlaufbahn aus den Angeln. Ab jetzt war nicht mehr wichtig, ob man einer angesehenen Familie entstammte, man selbst oder die Vorfahren sich um Rom verdient gemacht hatten. Wahlen waren, wenn sie überhaupt offiziell stattfanden, nur noch reine Formsache. Allein Caesar entschied, wer wann welche Stufe auf der politischen Karriereleiter erklomm. Dabei stieß Caesar jedoch selbst langjährige Weggefährten vor den Kopf, wenn es ihm wichtiger schien, einstige Gegner an sich zu binden. Caesars clementia, Gnade, war sprichwörtlich, aber nicht unumstritten. Nicht nur bei Caesars Weggefährten, auch die Begnadigten fühlten sich damit nicht alle wohl.

    Diese politische Atmosphäre bildete also den Hintergrund für die übrigen Protagonisten der Mordsache Caesar. Sommer stellt ausführlich enge Weggefährten Caesars und seine Gegner in eigenen Kapiteln vor, darunter Trebonius, Octavius, Cassius, Marcus und Decimus Brutus sowie Marcus Antonius. Er analysiert, wie ihre politische Karriere vor, im und nach dem Bürgerkrieg verlief, welche Kränkungen oder Eifersüchteleien es durch das neue System gab, und wer sich schließlich den Verschwörern anschloss und aus welchen Gründen.

    Wann genau sich die ersten Verschwörer um Cassius scharten, bleibt im Dunkeln. Spätestens nach Caesars Ausrufung zum Diktator auf Lebenszeit am 15. Februar 44 v. Chr. fanden sich jedoch immer mehr Senatoren, die sich ihnen anschlossen. Klar wird auch, dass diese Männer höchst unterschiedliche Gründe hatten, sich am Mord an Caesar zu beteiligen. Jeder der Protagonisten hatte natürlich seine eigene, ganz subjektive Sicht auf Caesar und seine „Herrschaft“. Zusammengenommen zeigen Sommers „Ermittlungen“ im Mordfall Caesar jedoch sehr gut, wie die römische Elite tickte.

    Der Plan, der die Verschwörer vereinte, die Wiederherstellung der Republik, ging jedoch letztendlich nicht auf. Sie waren davon ausgegangen, dass die Bürger Roms und der Senat sie als Befreier von einem Tyrannen feiern würde. Doch sie täuschten sich. Niemand war ihnen dankbar für ihre Tat. Im Gegenteil. Und Caesar wurde nicht nur nicht als Tyrann verdammt, sondern stattdessen sogar vergöttlicht.

    Der Mord an Caesar führte schließlich zu einem weiteren Bürgerkrieg, aus dem Octavius, der Adoptivsohn und Erbe Caesars, als Sieger und Alleinherrscher hervorging. Er, der inzwischen den Namen seines Adoptivvaters angenommen hatte, ging die Sache jedoch klüger an als der alte Gaius Julius Caesar. Offiziell stellte er die Republik wieder her. Zum Dank erhielt er den Beinamen Augustus, der Erhabene. Offiziell war er nur einer unter vielen anderen Magistraten. In Wirklichkeit jedoch war er derjenige, der nun das Sagen hatte.

    Das Buch besticht durch seine lockere und manchmal humorvolle Ausdrucksweise, durch die es dem Autor gelingt, selbst die komplizierten gesellschaftlichen Verhältnisse dieser Zeit des Umbruchs dem Leser verständlich nahezubringen.

    Cover zu Buch "Mordsache Caesar"

    Michael Sommer, Mordsache Caesar. Die letzten Tage des Diktators
    2. Auflage. 2024
    316 S. mit 13 Abbildungen, 2 Karten und 2 Stammbäumen.
    C.H.BECK. ISBN 978-3-406-82133-2

    Josef Rohrer, Cold Case Ötzi (2024)

    Kaum eine andere Mumie fasziniert die Menschen so wie der 1991 gefundene „Mann aus dem Eis“, so sein offizieller wissenschaftlicher Name. Lassen sich die genauen Umstände, wie er ums Leben kam, heute noch nachvollziehen? Das Buch „Cold Case Ötzi“ des Tiroler Autors Josef Rohrer geht genau dieser Frage nach. Zu diesem Zweck kommen zwei renommierte Kriminalisten und ein Archäologe mit dem Autor auf einer Hütte zusammen, um drei Tage lang die Funde zu analysieren und den Tathergang zu rekonstruieren:

    • der Profiler Alexander Horn, der beispielsweise bei der NSU-Mordserie als erster einen rechtsextremen Hintergrund annahm;
    • der Rechtsmediziner Oliver Peschel, der nicht nur Konservierungsbeauftragter für Ötzi ist, sondern auch immer wieder gerufen wird, wenn Tote bei Katastrophen identifiziert werden müssen, z. B. nach dem Tsunami in Thailand;
    • Andreas Putzer, der Spezialist für hochalpine Archäologie ist und die Region rund um Ötzis Fundort in- und auswendig kennt.

    Die drei Spürnasen nehmen sich die medizinischen Befunde und jedes einzelne Stück von Ötzis Ausrüstung vor, um möglichst viel über den Mann aus dem Eis selbst, aber auch über die möglichen Gründe für seine Ermordung sagen zu können: Wer war Ötzi? Was erzählen uns seine Kleidung und seine Ausrüstung über seinen gesellschaftlichen Status? Woher stammte er? Wo lebte er? Warum könnte es jemand auf ihn abgesehen haben und warum befand er sich an genau dieser Stelle, als er seinem Gegner zum Opfer fiel? Was sagen uns seine Verletzungen? Was wissen wir ganz allgemein über die Lebensweise der Menschen in dieser Zeit und dieser Region? Dabei wird im Laufe der Untersuchung auch klar, was man sicher sagen und was nur vermutet werden kann.

    Das Buch gibt einen interessanten Einblick in die Vorgehensweise bei kriminalistischen Untersuchungen, zeigt aber auch, wie sich Archäologen einem solchen Fund nähern. Zu welchen Schlüssen die drei Männer kommen? Lesen Sie das Buch und lassen Sie sich überraschen!

    Das Buch ist reich bebildert. Alle Fundstücke sind abgebildet und jeweils mit kurzen Kommentaren versehen. Auch die Fundstelle und die mögliche Position des Täters werden auf Fotos dokumentiert. So kann der Leser alle Aussagen gut nachvollziehen. Und einige QR-Codes führen zu YouTube-Videos, bei denen man den Diskussionen in der Hütte live zuhören kann.

    Auch wenn man sich nicht speziell für den Mann aus dem Eis interessiert, ist dieser Einblick in eine mögliche Herangehensweise an einen solchen „very cold case“ eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

    Josef Rohrer, Cold Case Ötzi.
    Eine Spurensicherung von Alexander Horn, Oliver Peschel und Andreas Putzer
    Erschienen September 2024
    Folio Verlag, Wien
    ISBN 978-3-85256-904-8
    Seiten 176
    24,00 €*

    THE hidden LÄND. Wir im ersten Jahrtausend

    Große Landesausstellung in Stuttgart
    13.09.2024–26.01.2025

    „THE LÄND“ ist eine Kampagne Baden-Württembergs, um dieses Bundesland mit seinen vielfältigen Highlights zu präsentieren. „THE hidden LÄND“ schließt sich an diese Kampagne an und zeigt die im Boden verborgenen archäologischen Schätze in 5 Modulen.

    Die Ausstellung führt uns durch die Geschichte Baden-Württembergs im ersten Jahrtausend nach Christus – 1000 Jahre, die die Ausstellung an einzelnen wichtigen Orten festmacht, die beispielhaft für eine bestimmte Epoche sind. Ziel ist es, dass der Besucher anhand dieser Orte ein Gefühl dafür bekommt, wie sich die Lebenswelten in diesem Zeitraum gewandelt haben.

    Jedes Modul umfasst 200 Jahre und steht unter einem übergeordneten Motto: Integration, Migration, Kommunikation, Spiritualität und Herrschaft. Anhand archäologischer Quellen soll zum einen die Lebenswelt der Bewohner erklärt werden. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung, dass wir die vergangenen Jahrhunderte nur durch zufällige Fenster erfassen können. Fenster, die durch Zufallsfunde entstehen. Zum Beispiel bei Bauarbeiten. Oder wenn, wie im Fall von Diersheim, ein Bauer einfach mal wieder einen alten Stein auf seinem Acker findet, der sich später als wichtiges archäologisches Zeugnis entpuppt.

    Immer steht im Mittelpunkt eines Moduls ein besonderer Fundplatz, der durch mediale Effekte verdeutlicht wird. Um eine zentrale Installation gruppieren sich zunächst Vitrinen, die mit diesem Fundort zu tun haben. Im weiteren Kreis um diese zentrale Installation finden wir Vitrinen, die zusätzliche Aspekte vorstellen. Ähnlich wie bei einer Suche im Internet, bei der immer wieder periphere Aspekte vorgeschlagen werden. Das Ganze gleicht einem Bühnenbild, wie der Leiter des Landesmuseums, Herr Wolf, erklärt. Diese vertiefenden Vitrinen sind auch etwas anders gestaltet, sodass man den Unterschied sofort erkennt.

    Die Ausstellung zeigt zum einen Fundplätze aus Baden-Württemberg, die aber andererseits auch überregionale Bedeutung haben. Teilweise finden wir sogar internationale Highlights.

    Modul 1 – Integration

    Den Anfang macht das Brandgräberfeld von Diersheim mit einem  Scheiterhaufen als zentraler Installation. Zu den Fundstücken in diesem Modul gehört der oben erwähnte auf einem Acker gefundene Stein. Der Sohn eines germanischen Fürsten ließ diesen Grabstein für seinen Vater aufstellen. Und dieser Sohn hatte bereits einen römischen Namen. Ein schönes Beispiel für die politische und kulturelle Anpassung der ursprünglichen germanischen und keltischen Bewohner an die römischen Besatzer.

    Gleich in diesem ersten Raum finden wir unter den Vertiefungsvitrinen auch einige international bedeutende Fundstücke wie beispielsweise Grabfunde aus der Ukraine. So unter anderem einen Kessel, der in Rom gefertigt wurde, aber offenbar als diplomatisches Geschenk gedacht war. Denn die Halterungen für die  Henkel sind Köpfe von Sueben, die sich durch eine besondere Haartracht, einen seitlichen Haarknoten auszeichnen. Als Sueben verstanden die Römer alle germanischen Völker südlich des Mare Baltikum, der Ostsee.

    Ein weiteres Prunkstück in Modul 1 ist ein prunkvolles Portal aus Ladenburg bzw. die  Beschläge dieses Tors, die wohl im 3. Jh. vor germanischen Angreifern in Sicherheit gebracht und vergraben wurden.

    Modul 2 – Migration

    Migration – bis heute ein wichtiger Bestandteil im Leben verschiedener Gesellschaften – begegnet uns in Modul 2. Im 3. Jahrhundert n. Chr. war das Römische Reich in eine tiefe Krise geraten. Kaiser und Gegenkaiser und dadurch resultierende Bürgerkriege führten zu einem wirtschaftlichen Niedergang der von den Römern besetzten Gebiete. Das römische Militär zog sich schließlich immer weiter zurück und ließ die einheimische Bevölkerung schutzlos zurück.

    Für die Bauernhöfe im Hinterland der römischen Lager und Städte fielen damit die Hauptabnehmer weg. Gleiches galt ganz allgemein für Handel und Wirtschaft. Nach und nach ließen sich andere germanische Volksgruppen in den offengelassenen Gebieten nieder.

    Diese Zeit der sogenannten Völkerwanderung stellt die Ausstellung am Beispiel einer Ladenzeile in Güglingen, einem römischen Vicus vor – mit den typischen römischen Streifenhäusern, die sich an der Straße entlangzogen. Die Lichtinszenierung in diesem Modul zeigt die Entwicklung von diesen Häusern über Holzbauten, die noch die alten Fundamente nutzen, bis hin zu Grubenhäusern.

    Modul 3 – Kommunikation

    Im Mittelpunkt des dritten Moduls steht der Reihengräberfriedhof von Lauchheim, der von nationaler Bedeutung ist. Auffällig ist, dass in den Gräbern nicht die Alltagskultur thematisiert wird. Denn alle diese Personen waren eigentlich Bauern. Stattdessen wird das Kriegerische herausgestellt – mit Waffen in den Gräbern. Sogar ein drei- oder vierjähriger Junge wurde mit Waffen beziehungsweise einem großen Schild bestattet. Typisch für Süddeutschland und Italien ist das Folienkreuz, das sich auch in einem dieser Gräber findet. Der restliche Teil der Grabbeigaben ist heidnisch. Auch Frauen werden nicht als Bäuerin dargestellt, sondern als die Hausherrin, die sich um das Weben von Stoffen kümmert.

    Weitere Highlights unter den Grabbeigaben sind Stühle, Tische und alles, was zu einem Gelage dazugehörte, sowie die am besten erhaltene Leier, die wir kennen. Es ging den Menschen dieser Zeit also offenbar nicht darum, ihre Lebenswirklichkeit abzubilden. Stattdessen kommunizierte man mit den bei der Bestattung zur Schau gestellten Grabbeigaben die gesellschaftliche Stellung der Verstorbenen.

    Modul 4 – Spiritualität

    Spiritualität steht im Mittelpunkt des im selben Raum anschließenden nächsten Moduls, vorgestellt am Beispiel der ältesten Kirche in Südwestdeutschland – der Sülchenkirche von Rottenburg am Neckar. Während andere antike Religionen nur Männer zuließen, wie zum Beispiel der Mithraskult, oder Sklaven ausschlossen, zeigte sich das Christentum sehr integrativ. Hier waren alle willkommen.

    Während die Grabstätten früher außerhalb der Ortschaften lagen, wollte man nun in der Nähe von Heiligen bzw. ihren Reliquien bestattet werden. Man begrub die Toten jetzt um Kirchen herum oder sogar in der Kirche. Manchmal errichtete man auch eine Kirche über einem Friedhof, der um einen Heiligen herum entstanden war.

    Jeder wollte an der Aura eines Heiligen teilhaben und der Kult mit Reliquien führte teilweise zu skurrilen Blüten. So wurden Überreste von echten und vermeintlichen Heiligen regelrecht zerstückelt und in alle Welt zerstreut. Es gab sogar tragbare Reliquiare, von denen die Ausstellung einige zeigt. Reliquiare wie diese wurden von Wandermönchen mitgeführt, zum Beispiel von Sankt Gallus, dem Gründer von Sankt Gallen.

    Modul 5 – Herrschaft

    Im 9. und 10. Jahrhundert gliederte sich die Gesellschaft in Adel, Klerus und Bauern. Adel und Klerus grenzten sich durch Kleidung und Insignien ab, die ihren jeweiligen Stand sichtbar zur Schau stellten. Hierzu gehörten Siegelringe beim Klerus oder kostbar verzierte Schwerter beim Adel. Die arbeitende Bevölkerung durfte hingegen nicht einmal Waffen tragen.

    Der König hatte in dieser Zeit keinen festen Regierungssitz, sondern reiste mit seinem Hofstaat von einem Wohnsitz zum nächsten. Einer dieser Wohnsitze war die Königspfalz Ulm, die im Mittelpunkt des fünften und letzten Moduls steht. In diesem Raum befindet sich auch eine der wenigen multimedialen Installationen der Ausstellung. Hier kann der Besucher Videos ansehen. Das Highlight ist jedoch die originalgetreue Kopie einer Schwertscheide, die wohl aus dem 11. Jahrhundert stammt.  

    Campus Galli

    Die Ausstellung bietet zum Schluss noch „Archäologie zum Anfassen“. Die Klosterbaustelle „Campus Galli“ in Meßkirch ist hier mit einem  Einblick in mittelalterliches Handwerk vertreten. Mit den Mitteln des 9. Jahrhunderts soll in Meßkirch ein Kloster auf Grundlage des weltberühmten St. Galler Klosterplans entstehen. Im Rahmen der Stuttgarter Ausstellung errichten verschiedene Handwerker nach und nach mit diesen einfachen technischen Mitteln eine kleine Hütte mit Schindeldach.

    Zu dieser sehenswerten Ausstellung ist ein umfangreiches Begleitbuch erschienen, dass nicht nur die ausgestellten Funde und Orte ausführlich vorstellt. Es geht auch auf die Konzeption der medialen Präsentation ein und rundet das Erlebnis „THE hidden LÄND“ hervorragend ab.

    Weitere Informationen: https://www.thehiddenlaend.de

    Kurt Roeske, Kos. Zentrum der antiken Medizin. Ein kulturhistorischer Reiseführer (2024)

    Der neueste Kulturreiseführer des Philologen Kurt Roeske nimmt uns mit auf die Urlaubsinsel Kos. Denn die Insel hat mehr zu bieten als Strand und Meer. Viele ihrer antiken Zeugnisse führen uns zu den Ursprüngen der Medizin. So befand sich auf Kos ein Asklepieion, d. h. ein Heiligtum des Asklepios, des Gottes der Heilkunst, und der wohl bekannteste Spross der Insel ist der Arzt Hippokrates, dessen Eid sich Mediziner bis heute verpflichtet fühlen.

    Roeske stellt zunächst neben Geographie und Geologie die Geschichte und Wirtschaft der Insel von der Antike bis heute vor und unternimmt dann mit dem Leser einen Spaziergang zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Kos. Im Bereich rund um den Hafen finden wir vor allem nachantike Bauten, aber auch das Archäologische Museum und die antike Agora, das griechische Stadtzentrum. Hier sieht man unter anderem Reste eines Aphrodite-Heiligtums und einer frühchristlichen Kirche, der sogenannten Hafenbasilika.

    Mehr antike Spuren haben sich im Westen der antiken Stadt erhalten. Hier, wo sich die Hauptstraßen der römischen Stadt kreuzen, lebten die wohlhabenden Römer. Ein Beispiel für römischen Luxus ist die „Casa Romana“, die Rekonstruktion einer Stadtvilla, die im 3. Jh. n. Chr. auf den Resten von nicht weniger als drei Häusern aus dem 3. Jh. v. Chr. errichtet wurde. Weitere Sehenswürdigkeiten in diesem Viertel sind der Altar für Dionysos, der in seiner Form dem Pergamonaltar ähnelt, das Odeon, einem kleinen überdachten Theater, sowie das Nymphäum. Außerdem kann man in diesem Bereich einige interessante Mosaike des antiken Kos besichtigen.

    Im nächsten Kapitel nimmt uns Roeske mit zum etwa vier Kilometer südwestlich der Hauptstadt gelegenen Heiligtum des Asklepios. Zunächst erfahren wir, was die Mythologie über den Heilgott erzählt, dann erkunden wir das Heiligtum, wobei Roeske nicht nur die archäologischen Überreste beschreibt, sondern den Leser, wie es für seine Buchreihe typisch ist, anhand von antiken Quellen den dortigen Kultbetrieb näherbringt.

    Die wichtigste Heilmethode im Asklepieion war der Heilschlaf. Auf diese und andere Heilmethoden geht Roeske im nächsten Kapitel ausführlicher ein, das im Zeichen heilender Götter steht und mit den Wunderheilungen Christi und einiger Heiliger endet.

    Bereits aus dem 3. Jahrtausend v. Chr. stammen jedoch unsere ersten Zeugnisse einer eher rational-methodischen Medizin. Antike Schriften berichten von medizinischen Geräten wie Sägen, Klingen oder Messern, aber auch von Rezepturen und Heilanweisungen.

    Als Begründer der empirisch-wissenschaftlichen Medizin gilt dagegen Hippokrates. Viel ist über sein Leben nicht bekannt, außer dass er von ca. 460 bis ca. 370 v. Chr. lebte. Er lernte sein Handwerk von seinem Vater und unternahm ausgiebige Reisen. Er begründete die Schule der Vier-Säfte-Lehre, die davon ausging, dass die Ursache von Krankheiten ein Ungleichgewicht der in jedem Körper vorhandenen Säfte – gelbe und schwarze Galle, Blut und Schleim – sei. Auch waren Anamnese, Diagnose und Prognose wichtigen Pfeiler seiner Heilmethoden. Es wurde dabei auch genau festgehalten, welche Krankheiten wie behandelt wurden und welchen Erfolg oder Misserfolg eine Behandlung hatte.

    Ausgehend von diesen Anfängen der empirischen Medizin stellt Roeske die weitere Entwicklung der Medizin bis in die Moderne dar und endet mit einer kritischen Betrachtung der Fortschritte in der heutigen medizinischen Forschung.

    Im Schlusskapitel nimmt uns Roeske mit auf einen Tagesausflug nach Patmos, wo er ausführlich auf die Apokalypse und ihren Verfasser Johannes eingeht, der dort lebte. Sicher ist, dass Johannes die Offenbarung hier auf Patmos geschrieben hat. Ob tatsächlich in der als Entstehungsort geltenden Höhle sei mal dahingestellt. Über dem Grab des Johannes entstand im 11 Jh. das „Kloster des Heiligen Johannes des Theologen“, das sich weithin sichtbar über der Hauptstadt der Insel erhebt.

    Auch in diesem Buch über Kos und Patmos lässt Roeske die Vergangenheit durch zahlreiche schriftliche Zeugnisse lebendig werden, was den besonderen Reiz seiner kulturhistorischen Reiseführer ausmacht.

    Kurt Roeske, Kos. Zentrum der antiken Medizin. Ein kulturhistorischer Reiseführer
    Exkursion nach Patmos: Ein Tag auf der Insel des Johannes
    Erscheinungsdatum: 07.06.2024
    238 Seiten
    ISBN: 978-3-8260-8649-6 

    Seite 1 von 40

    Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén