Monat: November 2021

Qalʿat Simʿan, Syrien (Teil 3)

Zentrum der Anlage von Qalat Siman war, wie schon erwähnt, ein Oktogon, das die Säule Simeons umgab. Unklar und Gegenstand großer Kontroversen ist, ob dieses Oktogon überdacht war oder nicht, und wenn ja, wie. Ein Bericht des Enagrios Pontikus aus Antiochia überliefert, dass dieser Gebäudeteil kurz nach der Mitte des 6. Jahrhunderts unter freiem Himmel lag. Allerdings stammt dieser Bericht aus einer Zeit nach verheerenden Verwüstungen, die ein Erdbeben in Antiochia und sicher auch hier angerichtet hatte.

Es gibt jedoch Hinweise auf eine ursprüngliche Eindeckung. So gibt es keine Vorrichtungen, um Wasser abzuleiten, wie es sie beispielsweise in der Klosteranlage von Simeon d. Jüngeren gab, wo der Hof offen ist. Die Eckelemente leiten von einem Achteck zu einem Sechzehneck über. Zudem wurde später zwischen der Kirche im Ostarm und dem Oktogon eine Steinwand eingezogen. Vermutlich war der Hof also anfangs eingedeckt und erst zur Zeit des Enagrios wurde dieser Schutz der Ostkirche notwendig. Allerdings kann es sich höchstens um eine Holzeindeckung gehandelt haben, da die Konstruktion der Mauern zu schwach ist und man zudem man Auflager für Holzbalken fand. Es handelte sich wohl um eine 16seitige Holzkuppel.

Das Baptisterium hatte dagegen eine massive Kuppeleindeckung. Es handelte sich um eine Drei-Apsiden-Anlage mit einem Taufbecken, das durch eine Art Einbahnstraße Massentaufen erlaubte. Neben dem Baptisterium liegt eine kleine Kirche für die Taufliturgie.

In den ersten Jahren waren alle Arbeitskräfte mit den Arbeiten an Qalat Siman beschäftigt. Die erste neue Bautätigkeit war das Westkloster des nahegelegenen Ortes Deir Siman, der seine Blütezeit im 5. und 6. Jahrhundert als Versorgungsbasis für das Simeonskloster erlebte. Ab dieser Zeit gab dort drei Klöster und zwei große Pilgerherbergen. Aber auch die Klöster selbst boten Pilgern Unterkunft. Entlang der Hauptstraße blühte das Geschäft mit Souvenirs.

Architektonisch reicherte man in Deir Siman nun früher entwickelte Formen mit neuen Elementen aus Qalat Siman an. Im Großen und Ganzen übernahmen eigentlich alle späteren Kirchenbauten Elemente aus Qalat Siman.

Literaturauswahl:

  • Nicolaus Heutger: Symeon Stylites der Ältere. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 11, Bautz, Herzberg 1996, ISBN 3-88309-064-6 , Sp. 353–356.
  • Jean-Luc Biscop, Jean-Pierre Sodini: Travaux à Qal’at Sem’an (= Collection de l’Ecole Française de Rome. Bd. 123 = Studi di antichità cristiana. Bd. 61, ZDB-ID 428303-x). Ecole Française de Rome, Rom 1989, S. 1675–1693.
  • Friedrich Wilhelm Deichmann: Qalb Lōze und Qal’at Sem’ān. Die besondere Entwicklung der nordsyrisch-spätantiken Architektur (= Bayerische Akademie der Wissenschaften. Philosophisch-Historische Klasse. Sitzungsberichte. 1982, Heft 6). Verlag der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, München 1982, ISBN 3-7696-1518-2 .
  • Frank Rainer Scheck, Johannes Odenthal: Syrien. Hochkulturen zwischen Mittelmeer und Arabischer Wüste. 4., aktualisierte Auflage. DuMont, Ostfildern 2009, ISBN 978-3-7701-3978-1 , S. 283–290.

Qalʿat Simʿan, Syrien (Teil 2)

Zwischen 476 und 491 n. Chr. entstand um die Säule Simeons herum ein riesiges, heute als Qalat Siman, die Zitadelle Simeons, bekanntes Pilgerzentrum, das schließlich 10.000 m² umfasste.

Vom Ort Deir Siman führt die Via Sacra, an der Buden stehen, in denen man Öl, Kerzen und andere Souvenirs kaufen konnte, zunächst zu einem äußeren Tor. Durch ein zweites Tor betritt man dann die eigentliche Anlage. Hier befand sich das eigentliche Martyrion, ein kreuzförmiger Bau, der die Säule Simeons umgab. Diese Säule, die letzte Wirkungsstätte Simeons, wurde zu seiner Hauptreliquie! Das Pilgerzentrum besaß außerdem ein Kloster und ein Baptisterium. Vermutlich wurden alle drei Teile des Pilgerzentrums zusammen geplant und die zeitlichen Abstände zwischen den Bauten ergaben sich nur durch die Organisation der Werkstätten.

Es gab noch mittelbyzantinische Um- und Einbauten in der Ostkirche. 950 n. Chr., d. h. in der Kreuzfahrerzeit, baute man die gesamte Anlage zu einer Zitadelle aus. Später diente die Ostkirche als Hof eines Kurdenfürsten.

Zunächst errichtete man um die Säule herum eine kreuzförmige Anlage. Kreuzförmige Kirchen haben in der Regel mit Aposteln, Märtyrern und Heiligen zu tun, wie beispielsweise die Babylaskirche in Antiochia und die Apostelkirche in Konstantinopel. In Qalat Siman wurde allerdings nur der östliche Kreuzarm als Kirche genutzt, die übrigen Kreuzarme dienten als Versammlungsräume. Zentrum der Anlage war ein Oktogon, das die 17-18 Meter hohe Säule Simeons umgab, die noch einmal von einer Schrankenanlage eingefasst war. Das Oktogon öffnete sich zu allen Kreuzarmen, sodass viele Pilger an der hier stattfindenden Liturgie teilnehmen konnten. Die Versammlungsräume boten genügend Platz für die Pilger, die sich oft mehrere Tage oder sogar Wochen hier aufhielten.

Der Eingang dieser Anlage liegt im Süden und wurde durch eine aufwendige und ungewöhnliche Fassade betont. Es handelt sich um eine Drei-Giebel-Anlage. Die Dreizahl könnte auf christliche Symbolik zurückgehen. Die Fassade ist wie eine vorgeblendete Theaterarchitektur gestaltet. Sie ist an den Seiten offen, es gibt keine Vorhalle und auch keine Portikus. Die Fassade kombiniert Einzelelemente spätrömischer Architektur und wandelt sie um, z. B. zu einem Bogen mit Giebel.

Der östliche Kreuzarm endet als einziger in einer Apsis. Genauer gesagt in einer Drei-Apsiden-Anlage mit gemeinsamer Schrankenanlage. Der Grundriss dieser Kirche ist leicht nach Norden geneigt. Die Gründe hierfür sind nicht bekannt. Neben geografischen kommen inhaltliche Gründe infrage. So vermutet man, dass hier der geneigte Kopf Christi am Kreuz angedeutet werden soll.

(Fortsetzung folgt…)

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén