Etwa in der gleichen Zeit wie die Studios-Basilka entstand der Überlieferung nach die Kirche Theotokos ton Chal­koprateia (Mutter Gottes in Chalkoprateia). Sie liegt nordwestlich der Hagia Sophia, keine 150 m von dieser entfernt und wurde auch vom gleichen Kle­rus unterhalten wie die Hagia Sophia. Sie war die wichtigste Kirche der Maria in Kon­stantinopel und besaß den Gürtel der Ma­ria als Reliquie.

Erhaltungszustand

Leider ist die Kirche nur sehr fragmenta­risch erhalten und die vorhandenen Reste auch noch größtenteils in anderen, zum Teil moder­nen Gebäuden verbaut. Erhalten sind größere Teile der Nord- und Südmauer sowie Teile der Ostwand mit einer breiten, freistehenden Apsis ohne Nebenräume. Die Apsis ist außen dreiseitig und innen halb­rund, wobei sich in jeder der drei Seiten ein großes Fenster be­findet. Vor der Apsis liegt wie in der Studios-Basilika eine kleine, kreuzförmige Krypta. Die Gesamtbreite der Kirche betrug 31 m. Damit ist sie die größte bisher bekannte Basilika der Haupt­stadt.

Sie ist zwar geräumiger als die Studios-Basilika, sonst aber, wie die erhaltenen Teile zeigen, mit dieser vergleichbar. Man kann die Kirche daher als dreischiffige Basilika rekonstruie­ren. Auch hier war der Kirche, wie wir aus der Überlieferung erfahren, ein Nar­thex und ein Atrium vorgelagert. Siehe hierzu auch den Grundriss: http://fr.wikipedia.org/wiki/Th%C3%A9otokos_des_Chalkoprat%C3%A9ia#mediaviewer/File:Theotokos_Chalkoprateia.svg.

Rekonstruktion

Südlich der Apsis führt ein 3,1 m breiter Torbogen in das Süd­schiff. Hier konnte man Anfang des 20. Jh. noch eine Kolonnade und eine Vorhalle vor diesem Eingang sehen. Am Ende des rechten, also südlichen Seitenschiffs führte eine Tür zu einer Treppe, die zur Hagia Sophia führte. Dabei verbindet ein monumentaler Seiteneingang das rechte Seitenschiff mit einer Kolonnade. Diese monumentale Seitentür wird auch in den „De Cere­moniis“ (10. Jh.) erwähnt: Nach der Zeremonie zum Fest Mariä Ver­kündigung verließ der Kaiser die Empore auf der nördlichen Seite über eine Holztreppe, ging am Synthronon vorbei und nahm dann den Ausgang bei der Vorhalle, wo er auf sein Pferd stieg.

In der Nordostecke der Kirche wurde die Ostwand durch den Bau ei­ner Straße zerstört, so dass man nur vermuten kann, dass sich auch hier ein Eingang befand. Die Tür in der Mitte der Nordwand führte vermutlich zu einer der Kapellen, die der Chalkopratien-Kirche angegliedert waren.

Durch die oben erwähnte Stelle in den „De Ceremoniis“ ist die Exi­stenz von Emporen gesichert. Wir wissen aber nicht, ob sie umlau­fend waren und wie die Zugänge gestaltet waren.

Zur Innenausstattung der Kirche gibt es nur wenige Hinweise. Es hat sich eine einzige Säulenbasis gefunden, die aber stark beschä­digt ist. Sie gehört vermutlich zum Obergeschoß und zeigt Spuren einer Schrankenanlage.

Der Kirche waren ein Narthex und ein Atrium vor­gelagert. Von beiden ist aber nichts mehr erhalten. Die nördliche Begrenzung des Atriums markiert ein oktogo­nales Gebäude, das in einer Linie mit der Nordwand der Kirche liegt. Welche Funktion dieses oktogonale Gebäude hatte, ist unklar? Der Bautypus könnte auf ein Bapti­sterium deuten. Außerdem könnte ein Pfeiler im Zentrum des Fundaments dazu gedient haben, eine schwere Last, wie z. B. ein Taufbecken, zu tragen, und in der Nähe wurde auch tatsächlich ein Taufbecken ge­funden (heute im Archäologischen Museum). Andererseits wurden Fresken aus dem 14. Jh. gefunden, die heute allerdings nicht mehr zu sehen sind. Sie zeigten Szenen aus der Kindheit Jesu und den Tod des Zacharias. In den Chroniken mit­telalterlicher Reisender werden Reliquien vom heiligen Zacharias und aus der Kindheit Jesu im Zusammenhang mit der Kapelle des Heiligen Jakobus genannt, die sich im Atrium der Chalkopratien-Kirche be­fand. Wenn es sich bei dem Oktogon um diese Kapelle handelt, wäre dies eines der wenigen gesicherten Martyria Konstanti­nopels.

Datierung

Die Chalkoprateia-Kirche entstand ungefähr gleichzeitig mit der Studios-Basilika. Als Gründer nennen die Quellen teilweise Theodosios II. (408-450), zum Teil auch seine Schwester Pulcheria, wobei nicht klar ist, ob sie die Kirche noch während der Regierungszeit ihres Bru­ders oder während ihrer Alleinherrschaft (450-453) gründete. An­dere Quellen nennen Verina, die Frau Leos I. (457-474) als Gründe­rin. Um diese verschiedenen Datierungsansätze zu verbinden, wurde vorgeschlagen, daß der Bau unter Pulcheria, noch gegen Ende der Regierungszeit ihres Bruders, d. h. vor 450 n. Chr., begonnen und, vielleicht ein Jahrzehnt später, von Verina been­det und geweiht wurde. Die Ähn­lichkeit mit der Studios-Basilika würde diese Datie­rung unterstüt­zen.

Literaturauswahl:

  • A. Kazhdan (Hrsg.), The Oxford Dictionary of Byzantium, Oxford University Press,‎ 1991, vol. 1, 407-408 ;
  • W. Müller-Wiener, Bildlexikon zur Topographie Istanbuls, Tübingen, Deutsches Archäologisches Institut,‎ 1977, 76-78.